Die Akte Kent

by Gottfried Mars

 

 

Es war im Jahr 1975, als ein junger, aufstrebender Journalist aus England im Auftrag des „New Musicals Express“ einen unfangreichen Artikel schreiben sollte. Der Artikel erschien in drei Teilen unter den Namen „The Last Beach Movie“. Der Bericht des damals 23jährigen Nick Kent, der 30.000 Wörter umfasste, wurde zudem in dessen Buch „The Dark Stuff“ veröffentlicht. Wie der Titel schon sagte, versuchte Kent die dunkle Seite der Beach Boys und Brian Wilson´s darzulegen –

 

Der Artikel von Kent war nicht sehr löblich gehalten. Wie der Titel schon suggeriert wurden von Brian Wilson über Marilyn und ihre gemeinsamen Kinder, über die Rovell-Familie bis hin zu Kent´s Chauffeur alle Register gezogen, um die Menschen zu differmieren. Es war wohl der unbedachte Versuch eines jungen Journalisten sich mit „Skandalen“ auf dem Journalismusmarkt zu etablieren.  Brian Wilson ging dieser Artikel sehr nahe. Die Beach Boys verordneten daraufhin eine Kommunikationssperre für dieses Blatt, welche mehrere Jahre anhielt. Bruce Johnston gab bei einem Konkurrenzblatt schließlich gar bekannt, dass Brian Wilson durch diesen Artikel in eine Depression gefallen sei.

 

 

Fünf Jahre später waren die Beach Boys in der unteren Hälfte der Charts angekommen und standen unter dem Management von Jerry Schilling. Dieser wollte den englischen Markt, auf dem die Beach Boys seit Mitte der 1960er besser positioniert waren als in den USA, verstärkt mit den Beach Boys beglücken. Die Top10 Single „Lady Linda“ spielte dabei schon eine Vorreiterrolle. Schilling war allerdings auch überzeugt, dass er die englischen Medien auf seine Seite bekommen musste. Dies ging natürlich am besten mit einem Interview englischer Reporter mit Brian Wilson. Dabei geriet er auch an einen alten Bekannten – Nick Kent, der zu einem Interview nach Los Angeles fliegen sollte.

 

Bruce Johnston, der zu dieser Zeit als Beach Boys Produzent erheblichen Einfluss hatte, wurde über diese Maßnahme natürlich nicht unterrichtet. Vermutlich wird deshalb auch berichtet, dass bei Kent´s Ankunft im Beach Boys Büro der sonst so ausgeglichene und freundliche Johnston einen gewissen Tobsuchtsanfall hatte und absolut nichts mit Kent zu tun haben wollte. In einem... sagen wir einmal... raffinierten Schachzug ließ Schilling somit zuerst Carl mit Kent sprechen (Carl sprach fast 2 Stunden über die Beach Boys, wobei dies Kent nicht zu interessieren schien) um den Journalisten später mit vermutlich seiner halben Lebensgeschichte hinzuhalten, bis Bruce sich wieder beruhigte und dem Interview mit Brian zustimmte.

 

 

Kent machte sich schließlich zum Haus von Brian Wilson auf, wo er auf Brian und eine „mysteriöse Frau“ traf. Kent schrieb einen ganzen Absatz über die Frau welche er als „16jährige Diane“ vorstellte und sie sehr ausführlich in einem negativen Sinn beschrieb. Brian Wilson war natürlich bei diesem Gespräch überhaupt nicht kooperativ, obwohl er versuchte Freundlich zu sein. Dennoch lenkte er immer wieder vom Thema ab und versuchte die Zeit die Kent dargeboten wurde eher mit Banalitäten herumzubringen – weil er von Kent zunächst alles über Paul McCartney wissen wollte, der kurz davor in Japan verhaftet wurde, oder auch nur über das Wetter in England – bis er schließlich nach 30 Minuten unter einem Vorwand verschwindet.

 

Natürlich tat Kent auch in seinem folgenden Bericht das, was er schon im letzten Tat.

Einige Jahre später macht ihn übrigens ein Bekannter darauf aufmerksam, dass die vom ihm beschriebene „16jährige Diane“ eigentlich die „27jährige Debbie“ war – was Kent in der Neuauflage seines Artikels zu der Änderung veranlasste zu erwähnen, dass jene Person wohl so geistig überfordert gewesen wäre und ihren eigenen Namen nicht mehr zu kennen, bis er schließlich in der dritten Auflage das Interview so hingehend änderte, dass Brian ihn die Dame als „Diane“ vorgestellt hätte.

 

 

Warum auch immer, ist der Artikel von Kent einer der bekanntesten über die Beach Boys in England. Jahre später erklärte sich auch Debbie Keil, welche Zeitzeugin beider Vorfälle war, dazu bereit Ihre Sicht der Dinge darzulegen.