"Die andere Seite"

 

Ein Artikel von Gottfried Mars über die Wandlung des Musikgeschäftes

 

 

 

In den 1950er Jahren gestaltete sich das Musikgeschäft etwas anders als heute. Es gab neben dem Künstler den A&R Manager, den Produzenten, den Songschreiber, den Arrangeur. Dies ist zwar nicht viel anders als heute, dennoch hat sich der Stil sehr verändert.

 

Der A&R Manager nahm eine Gruppe unter Vertrag. Hatte die Band bereits fertige Aufnahmen zu bieten wurden die Masterbänder abgekauft und eine schnelle Single veröffentlicht um zu sehen, wie diese sich am Markt positionierte. Dies führte dazu, dass verschiedene Musiker in verschiedensten Formationen und unterschiedlichen Namen immer wieder in den Genuss einer Singleveröffentlichung kamen – an der sie meistens wenig verdienten.

 

Der zweite Fall waren die langfristigen Verträge mit Bands und Künstlern. Der A&R Manager nahm die Künstler unter Vertrag und wies ihnen einen Produzenten zu. In den meisten Fällen schrieb der Produzent Lieder, hatte ein Autorenteam oder bekannte Songschreiber welche für den Künstler schrieben. Der A&R Manager verpflichtete zudem auch einen Arrangeur und wählte das Plattencover aus. Die Lieder der Band wurden daraufhin in den meisten Fällen im hauseigenen Aufnahmestudio der Plattenfirma, in einem sehr kurzen Zeitraum eingespielt. Die in der Regel 2 Minuten dauernde Single war das wichtigste im Geschäft. Sie sicherte Airplay in den Radiostationen und im TV. Erst danach, als die Verkäufe der Single zurück gingen, wurde mit der Band ein Album veröffentlicht, welches meistens nach der A-Seite der Single benannt war. Die A-Seite der Single war auch immer als erstes Lied auf der A-Seite der Langspielplatte platziert. Wirklich wichtig waren Alben nicht – sie dienten eher dazu, aus der Hitsingel noch einmal Kapital schlagen zu können. So wurden Alben meistens mit ein paar neuen Songs, Coverversionen, Liedern von anderen Songschreibern, Instrumentalstücken oder auch nur einfachem Studio-Geplauder, vereint veröffentlicht.

 

Auch die Zahl der Veröffentlichungen unterschied sich stark. Ziel war es, eine populäre Band ständig präsent zu halten und sie auszuschlachten so lange es nur ging. So trat zB folgendes Szenario ein:

 

Die Band veröffentlichte eine Single und wurde sogleich auf eine ausdauernde Tournee geschickt um Promotation fü die Single zu betreiben. In einer kurzen Tourneepause nahm die Band in wenigen Tagen das Album fertig auf, um anschließend sofort wieder auf Tournee zu gehen um Werbung für die LP zu machen und so weiter und so fort. Drei, vielleicht sogar vier Alben in einem Jahr waren keine Seltenheit, ebenso wie eine massive Ansammlung an Singles.

 

Dies funktionierte für einige Bands, für die Plattenfirmen sowieso. Bands konnten ohnehin nicht damit spekulieren lange populär zu bleiben.

 

So begann es auch bei den Beach Boys. Capitol A&R Mnaager Nick Venet nahm die Gruppe unter Vertrag und wies sich selber als Produzent zu. Die Aufnahmen zum ersten Album fanden im Capitol Studio statt – dessen Sound Brian Wilson überhaupt nicht mochte. Das Capitol Studio war für eine Rock´n´Roll Band einfach zu groß und lieferte nicht die passende Akustik. Es war grundsätzlich für die Aufnahme von Orchestern und für Jazz konzipiert worden. 

 

Hierbei passierte etwas, das zu jener Zeit nicht wirklich üblich war. Brian Wilson schlug der Plattenfirma vor, dass er selber die Platten produzieren wollte und er – in weiterer Folge – auch nicht mehr im Capitol Studio aufnehmen wollte, sondern er sich das Studio selber aussuchen wolle. Ein halbes Jahr wurde mit Capitol verhandelt, bis man schließlich zu einer Einigung kam. Die Beach Boys boten an, die Mehrkosten für auswärtige Studioaufnahmen aus eigener Tasche zu bezahlen und dafür einen höheren Anteil an den Tantiemen zu erhalten.

 

1965 fasste Brian schließlich den Entschluss, von der Wichtigkeit der Single einmal kurzzeitig abzulassen und sich auf ein Album zu konzentrieren – ein Album mit guten Liedern, von Beginn mit Ende. Pet Sounds